Nowaja Gaseta: Verstummt eine der letzten unabhängigen Stimmen Russlands?

Nach 33 Jahren muss die renommierte russische Zeitung Nowaja Gaseta ihre Arbeit einstellen. Der Druck von Behörden und Geheimdiensten ist nach Angaben der Redaktion unerträglich geworden. Mit ihrem Ende verschwindet eines der letzten großen unabhängigen Medien, die noch von Russland aus berichteten. Doch war die Nowaja Gaseta tatsächlich die letzte freie Zeitung des Landes?

5. November 2026

„Man hat uns getötet“

Es sind wenige Worte, mit denen eine der bekanntesten unabhängigen Zeitungen Russlands ihren Abschied verkündet: „Man hat uns getötet.“

Am 30. Oktober 2026 veröffentlichte die Redaktion der Nowaja Gaseta eine Erklärung, in der sie das Ende ihrer journalistischen Arbeit bekannt gab. Am 9. November sollen die Server abgeschaltet und die Redaktionsräume im Zentrum Moskaus endgültig verlassen werden. Eine letzte Ausgabe ist noch angekündigt.

Chefredakteur Sergej Sokolow macht die russischen Behörden und Geheimdienste für die Schliessung verantwortlich. Nach Darstellung der Redaktion handelt es sich nicht um eine freiwillige wirtschaftliche Entscheidung, sondern um das Ergebnis jahrelanger politischer Repressionen.

Damit endet eine bemerkenswerte Geschichte des unabhängigen Journalismus in Russland.

Eine Zeitung, die sich nicht zum Schweigen bringen liess

Die Nowaja Gaseta wurde 1993 gegründet, in einer Zeit, in der Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion neue demokratische Strukturen entwickelte. Der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow unterstützte das Projekt finanziell und half damit, den Grundstein für eine unabhängige Zeitung zu legen.

In den folgenden Jahrzehnten machte sich die Redaktion vor allem mit investigativen Recherchen einen Namen. Sie berichtete über Korruption, Menschenrechtsverletzungen, staatliche Gewalt, Machtmissbrauch und die Kriege in Tschetschenien.

Die journalistische Arbeit war mit erheblichen persönlichen Risiken verbunden.

Sechs mit der Zeitung verbundene Journalisten und Mitarbeiter wurden im Laufe der Jahre ermordet. Unter ihnen war Anna Politkowskaja, die durch ihre Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenienkrieg international bekannt wurde. Am 7. Oktober 2006 wurde sie in ihrem Moskauer Wohnhaus erschossen. Zwar wurden mehrere Beteiligte verurteilt, doch wer den Mord in Auftrag gab, blieb gerichtlich ungeklärt.

Politkowskaja wurde zum Symbol für die Gefahren, denen kritische Journalisten in Russland ausgesetzt sind.

2021 erhielt der langjährige Chefredakteur und Mitbegründer Dmitri Muratow gemeinsam mit der philippinischen Journalistin Maria Ressa den Friedensnobelpreis. Die Auszeichnung würdigte ihren Einsatz für die Meinungs- und Pressefreiheit.

Der schrittweise Weg zur Schliessung

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 verschärften sich die Arbeitsbedingungen für unabhängige Medien erheblich.

Neue Zensurgesetze stellten die Verbreitung von Informationen, die von der offiziellen Darstellung des russischen Militärs abwichen und von den Behörden als falsch eingestuft wurden, unter schwere Strafen. Zahlreiche Journalisten verliessen Russland, andere Medien stellten ihre Arbeit ein oder wurden blockiert.

Auch die Nowaja Gaseta musste im März 2022 ihre reguläre Veröffentlichung zunächst aussetzen. Ihre gedruckte Ausgabe erschien in Russland nicht mehr. Dennoch gelang es den verbliebenen Mitarbeitern, journalistisch weiterzuarbeiten und über digitale Kanäle Inhalte zu veröffentlichen.

Die Redaktion berichtete weiterhin über gesellschaftliche Entwicklungen und die Folgen des Krieges für die russische Bevölkerung, obwohl eine offene Berichterstattung über den Krieg selbst durch die staatlichen Vorgaben massiv eingeschränkt war.

In den folgenden Jahren verlor die Zeitung immer mehr Möglichkeiten, ihre Arbeit fortzusetzen. Ihre Website wurde blockiert, die Medienregistrierung entzogen und die Druckerei beschlagnahmt.

2026 verschärfte sich die Situation erneut. Die russischen Behörden stuften das Online-Medium als sogenannten „ausländischen Agenten“ ein. Hinzu kamen Durchsuchungen und Ermittlungen gegen Mitarbeiter.

Schliesslich verlor die Redaktion auch ihre Räumlichkeiten in Moskau und den Zugang zu einem wichtigen Spendensystem, mit dem Leserinnen und Leser die Zeitung finanzierten.

Für die Redaktion war damit die wirtschaftliche und organisatorische Grundlage ihrer Arbeit zerstört.

War die Nowaja Gaseta wirklich die letzte unabhängige Zeitung Russlands?

Diese Frage lässt sich nicht uneingeschränkt mit Ja beantworten.

Die Nowaja Gaseta war eine der letzten grossen und international bekannten unabhängigen Zeitungen, deren Redaktion trotz des politischen Drucks weiterhin innerhalb Russlands arbeitete.

Sie war jedoch nicht das einzige unabhängige journalistische Medium des Landes.

Auch nach 2022 gab es kleinere, zum Teil regionale Medien und einzelne Journalisten, die unter schwierigen Bedingungen innerhalb Russlands recherchierten und berichteten.

Wie gering ihre Zahl inzwischen geworden ist, verdeutlichte Chefredakteur Sergej Sokolow Ende Oktober 2026 in einem Interview. Die verbliebenen unabhängigen Medien innerhalb Russlands könne man an einer Hand abzählen, erklärte er sinngemäss.

Die Bezeichnung „letzte unabhängige Zeitung Russlands“, wie sie in manchen internationalen Berichten verwendet wird, ist daher vor allem als Ausdruck ihrer besonderen historischen Bedeutung zu verstehen.

Präziser wäre: Mit der Nowaja Gaseta verschwindet eine der letzten großen unabhängigen Zeitungsredaktionen, die noch aus Russland selbst berichteten.

Russlands unabhängiger Journalismus lebt im Exil weiter

Das Ende der Moskauer Nowaja Gaseta bedeutet nicht, dass unabhängiger russischer Journalismus insgesamt verschwindet.

Bereits 2022 gründeten ehemalige Mitarbeiter der Zeitung im lettischen Exil die Nowaja Gaseta Europe. Diese ist organisatorisch von der Moskauer Redaktion getrennt und veröffentlicht weiterhin unabhängige Berichte über Russland, die Ukraine und internationale Entwicklungen.

Auch andere russische Medien arbeiten aus dem Ausland weiter.

Ein bekanntes Beispiel ist das unabhängige Nachrichtenportal Meduza, dessen Redaktion seit 2014 von Lettland aus arbeitet. Solche Exilmedien versuchen, Menschen in Russland trotz staatlicher Internetsperren und Zensur weiterhin mit unabhängigen Informationen zu erreichen.

Das ist allerdings mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Russische Behörden blockieren zahlreiche ausländische Medienangebote und haben Organisationen wie die Nowaja Gaseta Europe als „unerwünscht“ eingestuft.

Der unabhängige Journalismus ist damit keineswegs verschwunden. Aber seine Möglichkeiten, innerhalb Russlands offen, öffentlich und institutionell abgesichert zu arbeiten, sind stark geschrumpft.

Was die Schliessung über die Pressefreiheit in Russland aussagt

Nach der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Russland 2026 auf Platz 172 von 180 untersuchten Ländern.

Die Schließung der Nowaja Gaseta macht deutlich, wie sich die Bedingungen für kritische Berichterstattung verändert haben.

Wo unabhängige Redaktionen nicht mehr auf funktionierende Vertriebswege, rechtliche Sicherheit, finanzielle Unterstützung und eigene Arbeitsräume zurückgreifen können, wird dauerhaftes journalistisches Arbeiten zunehmend unmöglich.

Das betrifft nicht nur die Medien selbst. Unabhängige Recherchen über Korruption, staatliche Entscheidungen und Menschenrechtsverletzungen sind eine wichtige Grundlage öffentlicher Kontrolle. Wo solche Informationen fehlen oder nur noch unter erheblichem Risiko veröffentlicht werden können, werden auch die Möglichkeiten der Bürger eingeschränkt, sich ein umfassendes Bild von den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu machen.

Das Ende einer Zeitung – nicht das Ende ihrer Geschichte

33 Jahre lang hat die Nowaja Gaseta einen Journalismus vertreten, der staatliche Entscheidungen hinterfragte und auch dort recherchierte, wo andere Medien schwiegen.

Ihre Mitarbeiter haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Einige verloren ihre berufliche Existenz, andere mussten das Land verlassen. Sechs mit der Zeitung verbundene Menschen wurden ermordet.

Nun muss auch die Redaktion in Moskau ihre Arbeit einstellen.

Die Nowaja Gaseta war nicht die letzte unabhängige journalistische Stimme Russlands. Aber sie war eine der letzten großen Zeitungen, die unter ihrem eigenen Namen im Land geblieben waren und versucht hatten, kritischen Journalismus aufrechtzuerhalten.

Ihr Ende ist deshalb mehr als die Schliessung eines traditionsreichen Medienunternehmens. Es steht für den Verlust eines wichtigen Teils jener unabhängigen Öffentlichkeit, die in Russland nach dem Ende der Sowjetunion entstanden war.

Die Zeitung verstummt. Ihre Recherchen, ihre Geschichte und die Arbeit der russischen Journalisten im Exil bleiben.

Und damit auch die Frage, unter welchen Bedingungen unabhängiger Journalismus eines Tages wieder frei innerhalb Russlands arbeiten kann.


Quellen und weiterführende Informationen