{"id":633,"date":"2025-10-31T09:51:04","date_gmt":"2025-10-31T09:51:04","guid":{"rendered":"https:\/\/paukert.ch\/new\/?p=633"},"modified":"2026-03-19T10:48:14","modified_gmt":"2026-03-19T10:48:14","slug":"xmas-das-laecheln-des-engels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/paukert.ch\/new\/2025\/10\/31\/xmas-das-laecheln-des-engels\/","title":{"rendered":"xmas &#8211; Das L\u00e4cheln des Engels"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das L\u00e4cheln des Engels<\/strong><br>von Rainer P\u00f6rzgen<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bibliothekar verlie\u00df den Auskunftsplatz, diesen gesch\u00fctzten Raum, wie er ihn oft empfand, hinter der hohen Barriere, um in den Leses\u00e4len nach dem Rechten zu sehen. Er machte diese Rundg\u00e4nge sehr gewissenhaft, wenn auch keineswegs gern. Im Grunde tr\u00e4umte er vonoffenen Bibliotheken, in denen verantwortungsvolle Menschen r\u00fccksichtsvoll miteinander umgehen und deshalb keiner Aufsicht bed\u00fcrfen. An diese Utopie hatte er fr\u00fcher geglaubt, doch bitter erfahren, da\u00df sie f\u00fcr lange Zeit noch ein Traum bleiben w\u00fcrde. Bibliotheksbenutzer, vor allem Studenten, waren noch nicht so weit, sie hatten weder Achtung vor B\u00fcchern, die ihnen nicht geh\u00f6rten, noch vor Menschen, die darin arbeiten mu\u00dften. Laut waren sie und zerst\u00f6rerisch, sie bedurften einer gewissen Strenge, die ihnen Eltern und Lehrer offensichtlich vorenthalten hatten. Also verlie\u00df er wieder einmal seinen Platz, um durch die Leses\u00e4le zu laufen &#8211; wie immer mit der festen Absicht, Verst\u00f6\u00dfe gegen die Benutzungsordnung freundlich, aber bestimmt zu ahnden, vor allem aber mit der stillen, schon oft entt\u00e4uschten Hoffnung, diesmal keine Thermoskannen mit Kaffee oder Tee, keine Schokoriegel und vor allem keine Handys zu entdecken, auch keine schwatzenden Studentinnen anzutreffen, sondern nur still herumzugehen, vielleicht etwas gefragt zu werden, um dann helfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/de226d65-902e-4316-8232-0d373f89f361-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-686\" srcset=\"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/de226d65-902e-4316-8232-0d373f89f361-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/de226d65-902e-4316-8232-0d373f89f361-300x200.jpg 300w, https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/de226d65-902e-4316-8232-0d373f89f361-768x512.jpg 768w, https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/de226d65-902e-4316-8232-0d373f89f361.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Bibliothekar war erst wenige Schritte gegangen, als ihm eine Ver\u00e4nderung des Lichtes auffiel. Das kalte weisse Strahlen der Leuchten wechselte, so schien es ihm, in ein angenehmes Licht, das ihn wohltuend umfloss, das ihn umh\u00fcllte wie ein weicher warmer goldener Mantel. Ger\u00e4usche drangen nur noch ged\u00e4mpft zu ihm durch. Jenes Schw\u00e4tzen am Katalog, das seine Schritte in diese Richtung gelenkt hatte, war nur noch als leises Murmeln zu vernehmen, wie von sehr weit her, ein sanftes S\u00e4useln fast &#8230; nein, das war nicht das st\u00f6rende Reden, das er hatte unterbinden wollen, das war ein Raunen wie aus einer anderen Welt, das waren sph\u00e4rische Kl\u00e4nge, wie er sie noch nie zuvor vernommen hatte. Er bemerkte nun, dass das ihn umh\u00fcllende warme Licht von oben auf ihn herabgeflossen kam, und zugleich war ihm, als h\u00f6be dieses Licht ihn empor. Es gab keine Decke mehr, der Beton hatte sich samt Armierung aufgel\u00f6st, dar\u00fcber war der Himmel aufgebrochen, und in einem Strahl goldenen Lichtes schwebte er empor. Ein blondes Engelchen blickte ihn an. Dieses erinnerte ihn an eine Studentin, die ihm schon oft bei seinen Rundg\u00e4ngen ein L\u00e4cheln geschenkt hatte. Es streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff die Hand, und das blonde Engelchen zog ihn immer weiter hinauf.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Aber &#8230;&#8220;.<br>Doch das Engelchen l\u00e4chelte nur.<br>&#8222;Aber ich muss &#8230;&#8220;.<br>Doch weiter schwebten sie hinauf.<br>&#8220; Aber ich muss doch &#8230;&#8220;.<br>Seine Einw\u00e4nde versickerten in den grauen Wolkenschleiern um ihn herum. Das Licht hatte sich ein weiteres Mal ver\u00e4ndert, es war in ein mattes Silber gewechselt. Pl\u00f6tzlich bemerkte der Bibliothekar, da\u00df er wieder allein war. Das blonde Engelchen war verschwunden, er hatte nicht einmal bemerkt, wann es ihn verlassen hatte. Er f\u00fchlte sich einsam. Unsicher versuchte sein Blick, die grauen Schleier um ihn herum zu durchdringen, doch vermochte er nichts zu erkennen. Er lauschte in die Schleier hinein, doch ihn umgab eine dumpfe Stille. Wie sehnte er sich auf einmal nach schwatzenden Studentinnen. Ach, wenn doch wenigstens irgendwo ein Handy klingelte! Aber alles blieb still, bis endlich in diese Stille hinein eine dr\u00f6hnende Stimme sprach: &#8222;Sei mir willkommen, mein Sohn!&#8220;<br>Aus den Schleiern trat in rotem Mantel, mit wei\u00dfem Bart, ein goldenes Buch unter dem Arm, der Weihnachtsmann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Bibliothekar in seiner Verlegenheit wusste nichts Besseres zu sagen als: &#8222;Und ich dachte, Dich gibt es gar nicht &#8230; Dich? &#8230; oder soll ich Sie sagen?&#8220; Der Weihnachtsmann ignorierte diese Worte. Er zog eine Brille aus der Manteltasche, setzte sie auf und schlug sein goldenes Buch auf, bl\u00e4tterte darin, suchte offensichtlich etwas, das er schlie\u00dflich fand. Er blickte den Bibliothekar \u00fcber den oberen Rand seiner Brille an.<br>&#8222;Na, was lese ich denn hier? Du bist wohl einer von den ganz Eifrigen?&#8220;<br>Beflissen nickte der Bibliothekar. Auf der Stirn des Weihnachtsmannes bildete sich eine steile Falte.&#8220;Gef\u00e4llt mir gar nicht, ganz und gar nicht!&#8220;, fuhr er fort. &#8222;Warum hast Du neulich so \u00fcberkorrekt reagiert, als der Bursche mit den Pickeln ausnahmsweise ein Buch etwas fr\u00fcher mitnehmen wollte? Mochtest Du ihn nicht?&#8220;<br>Der Kopf des Bibliothekars leuchtete rot vor den matt silbergrauen Nebelschleiern. Zum Gl\u00fcck erwartete der Weihnachtsmann keine Antwort. &#8222;Und als Dir die Studentin auf die Nerven gegangen war &#8211; findest Du es in Ordnung, dass Du daraufhin alle von ihr entliehenen B\u00fccher vorbestellt hast?&#8220; Das Rot ging in ein tiefes Dunkelrot \u00fcber. Doch dann geschah etwas Merkw\u00fcrdiges. Das blonde Engelchen kam zur\u00fcck. Es nahm ihn an der Hand und zog ihn mit sich. Der Weihnachtsmann samt Bart und Buch und Mantel verschwand hinter ihnen in den Wolkenschleiern. Das Licht ver\u00e4nderte sich wieder, wurde golden und warm. Das Engelchen lie\u00df seine Hand los, der Bibliothekar glaubte, hinab zu st\u00fcrzen. Dann sp\u00fcrte er Boden unter sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als der Bibliothekar die Augen aufschlug, lag er nur wenige Schritte vom Auskunftsplatz entfernt. Um ihn herum standen Leute, neben ihm aber kniete die blonde Studentin. Sie bemerkte, dass er wieder zu sich gekommen war. &#8222;Sie waren wohl ohnm\u00e4chtig&#8220;, sagte sie zu ihm und blickte ihn besorgt an. Sie sah hinrei\u00dfend aus. Schon wollte er sie fragen, ob sie an den Feiertagen etwas vor h\u00e4tte. Da l\u00e4chelte sie wieder. Und der Bibliothekar brachte kein Wort heraus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das L\u00e4cheln des Engelsvon Rainer P\u00f6rzgen Der Bibliothekar verlie\u00df den Auskunftsplatz, diesen gesch\u00fctzten Raum, wie er ihn oft empfand, hinter der hohen Barriere, um in den Leses\u00e4len nach dem Rechten zu sehen. Er machte diese Rundg\u00e4nge sehr gewissenhaft, wenn auch keineswegs gern. Im Grunde tr\u00e4umte er vonoffenen Bibliotheken, in denen verantwortungsvolle Menschen r\u00fccksichtsvoll miteinander umgehen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":686,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_kadence_starter_templates_imported_post":false,"_kad_post_transparent":"","_kad_post_title":"","_kad_post_layout":"right","_kad_post_sidebar_id":"sk694_448vre","_kad_post_content_style":"","_kad_post_vertical_padding":"","_kad_post_feature":"","_kad_post_feature_position":"","_kad_post_header":false,"_kad_post_footer":false,"_kad_post_classname":"","footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-633","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=633"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2359,"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633\/revisions\/2359"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/media\/686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=633"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}