{"id":2995,"date":"2026-11-05T04:43:04","date_gmt":"2026-11-05T04:43:04","guid":{"rendered":"https:\/\/paukert.ch\/new\/?p=2995"},"modified":"2026-11-05T07:18:23","modified_gmt":"2026-11-05T07:18:23","slug":"nowaja-gaseta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/paukert.ch\/new\/2026\/11\/05\/nowaja-gaseta\/","title":{"rendered":"Nowaja Gaseta"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Nowaja Gaseta: Verstummt eine der letzten unabh\u00e4ngigen Stimmen Russlands?<\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Nach 33 Jahren muss die renommierte russische Zeitung Nowaja Gaseta ihre Arbeit einstellen. Der Druck von Beh\u00f6rden und Geheimdiensten ist nach Angaben der Redaktion unertr\u00e4glich geworden. Mit ihrem Ende verschwindet eines der letzten gro\u00dfen unabh\u00e4ngigen Medien, die noch von Russland aus berichteten. Doch war die Nowaja Gaseta tats\u00e4chlich die letzte freie Zeitung des Landes?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>5. November 2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eMan hat uns get\u00f6tet\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind wenige Worte, mit denen eine der bekanntesten unabh\u00e4ngigen Zeitungen Russlands ihren Abschied verk\u00fcndet: \u201eMan hat uns get\u00f6tet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 30. Oktober 2026 ver\u00f6ffentlichte die Redaktion der Nowaja Gaseta eine Erkl\u00e4rung, in der sie das Ende ihrer journalistischen Arbeit bekannt gab. Am 9. November sollen die Server abgeschaltet und die Redaktionsr\u00e4ume im Zentrum Moskaus endg\u00fcltig verlassen werden. Eine letzte Ausgabe ist noch angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chefredakteur Sergej Sokolow macht die russischen Beh\u00f6rden und Geheimdienste f\u00fcr die Schliessung verantwortlich. Nach Darstellung der Redaktion handelt es sich nicht um eine freiwillige wirtschaftliche Entscheidung, sondern um das Ergebnis jahrelanger politischer Repressionen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit endet eine bemerkenswerte Geschichte des unabh\u00e4ngigen Journalismus in Russland.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Zeitung, die sich nicht zum Schweigen bringen liess<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nowaja Gaseta wurde 1993 gegr\u00fcndet, in einer Zeit, in der Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion neue demokratische Strukturen entwickelte. Der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow unterst\u00fctzte das Projekt finanziell und half damit, den Grundstein f\u00fcr eine unabh\u00e4ngige Zeitung zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den folgenden Jahrzehnten machte sich die Redaktion vor allem mit investigativen Recherchen einen Namen. Sie berichtete \u00fcber Korruption, Menschenrechtsverletzungen, staatliche Gewalt, Machtmissbrauch und die Kriege in Tschetschenien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die journalistische Arbeit war mit erheblichen pers\u00f6nlichen Risiken verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sechs mit der Zeitung verbundene Journalisten und Mitarbeiter wurden im Laufe der Jahre ermordet. Unter ihnen war Anna Politkowskaja, die durch ihre Berichte \u00fcber Menschenrechtsverletzungen im Tschetschenienkrieg international bekannt wurde. Am 7. Oktober 2006 wurde sie in ihrem Moskauer Wohnhaus erschossen. Zwar wurden mehrere Beteiligte verurteilt, doch wer den Mord in Auftrag gab, blieb gerichtlich ungekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Politkowskaja wurde zum Symbol f\u00fcr die Gefahren, denen kritische Journalisten in Russland ausgesetzt sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2021 erhielt der langj\u00e4hrige Chefredakteur und Mitbegr\u00fcnder Dmitri Muratow gemeinsam mit der philippinischen Journalistin Maria Ressa den Friedensnobelpreis. Die Auszeichnung w\u00fcrdigte ihren Einsatz f\u00fcr die Meinungs- und Pressefreiheit.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der schrittweise Weg zur Schliessung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 versch\u00e4rften sich die Arbeitsbedingungen f\u00fcr unabh\u00e4ngige Medien erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neue Zensurgesetze stellten die Verbreitung von Informationen, die von der offiziellen Darstellung des russischen Milit\u00e4rs abwichen und von den Beh\u00f6rden als falsch eingestuft wurden, unter schwere Strafen. Zahlreiche Journalisten verliessen Russland, andere Medien stellten ihre Arbeit ein oder wurden blockiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Nowaja Gaseta musste im M\u00e4rz 2022 ihre regul\u00e4re Ver\u00f6ffentlichung zun\u00e4chst aussetzen. Ihre gedruckte Ausgabe erschien in Russland nicht mehr. Dennoch gelang es den verbliebenen Mitarbeitern, journalistisch weiterzuarbeiten und \u00fcber digitale Kan\u00e4le Inhalte zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Redaktion berichtete weiterhin \u00fcber gesellschaftliche Entwicklungen und die Folgen des Krieges f\u00fcr die russische Bev\u00f6lkerung, obwohl eine offene Berichterstattung \u00fcber den Krieg selbst durch die staatlichen Vorgaben massiv eingeschr\u00e4nkt war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den folgenden Jahren verlor die Zeitung immer mehr M\u00f6glichkeiten, ihre Arbeit fortzusetzen. Ihre Website wurde blockiert, die Medienregistrierung entzogen und die Druckerei beschlagnahmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2026 versch\u00e4rfte sich die Situation erneut. Die russischen Beh\u00f6rden stuften das Online-Medium als sogenannten \u201eausl\u00e4ndischen Agenten\u201c ein. Hinzu kamen Durchsuchungen und Ermittlungen gegen Mitarbeiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schliesslich verlor die Redaktion auch ihre R\u00e4umlichkeiten in Moskau und den Zugang zu einem wichtigen Spendensystem, mit dem Leserinnen und Leser die Zeitung finanzierten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Redaktion war damit die wirtschaftliche und organisatorische Grundlage ihrer Arbeit zerst\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">War die Nowaja Gaseta wirklich die letzte unabh\u00e4ngige Zeitung Russlands?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Frage l\u00e4sst sich nicht uneingeschr\u00e4nkt mit Ja beantworten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nowaja Gaseta war eine der letzten grossen und international bekannten unabh\u00e4ngigen Zeitungen, deren Redaktion trotz des politischen Drucks weiterhin innerhalb Russlands arbeitete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie war jedoch nicht das einzige unabh\u00e4ngige journalistische Medium des Landes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch nach 2022 gab es kleinere, zum Teil regionale Medien und einzelne Journalisten, die unter schwierigen Bedingungen innerhalb Russlands recherchierten und berichteten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie gering ihre Zahl inzwischen geworden ist, verdeutlichte Chefredakteur Sergej Sokolow Ende Oktober 2026 in einem Interview. Die verbliebenen unabh\u00e4ngigen Medien innerhalb Russlands k\u00f6nne man an einer Hand abz\u00e4hlen, erkl\u00e4rte er sinngem\u00e4ss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bezeichnung \u201eletzte unabh\u00e4ngige Zeitung Russlands\u201c, wie sie in manchen internationalen Berichten verwendet wird, ist daher vor allem als Ausdruck ihrer besonderen historischen Bedeutung zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Pr\u00e4ziser w\u00e4re: Mit der Nowaja Gaseta verschwindet eine der letzten gro\u00dfen unabh\u00e4ngigen Zeitungsredaktionen, die noch aus Russland selbst berichteten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Russlands unabh\u00e4ngiger Journalismus lebt im Exil weiter<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ende der Moskauer Nowaja Gaseta bedeutet nicht, dass unabh\u00e4ngiger russischer Journalismus insgesamt verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits 2022 gr\u00fcndeten ehemalige Mitarbeiter der Zeitung im lettischen Exil die <em>Nowaja Gaseta Europe<\/em>. Diese ist organisatorisch von der Moskauer Redaktion getrennt und ver\u00f6ffentlicht weiterhin unabh\u00e4ngige Berichte \u00fcber Russland, die Ukraine und internationale Entwicklungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch andere russische Medien arbeiten aus dem Ausland weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein bekanntes Beispiel ist das unabh\u00e4ngige Nachrichtenportal <em>Meduza<\/em>, dessen Redaktion seit 2014 von Lettland aus arbeitet. Solche Exilmedien versuchen, Menschen in Russland trotz staatlicher Internetsperren und Zensur weiterhin mit unabh\u00e4ngigen Informationen zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist allerdings mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Russische Beh\u00f6rden blockieren zahlreiche ausl\u00e4ndische Medienangebote und haben Organisationen wie die Nowaja Gaseta Europe als \u201eunerw\u00fcnscht\u201c eingestuft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der unabh\u00e4ngige Journalismus ist damit keineswegs verschwunden. Aber seine M\u00f6glichkeiten, innerhalb Russlands offen, \u00f6ffentlich und institutionell abgesichert zu arbeiten, sind stark geschrumpft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was die Schliessung \u00fcber die Pressefreiheit in Russland aussagt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen steht Russland 2026 auf Platz 172 von 180 untersuchten L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schlie\u00dfung der Nowaja Gaseta macht deutlich, wie sich die Bedingungen f\u00fcr kritische Berichterstattung ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo unabh\u00e4ngige Redaktionen nicht mehr auf funktionierende Vertriebswege, rechtliche Sicherheit, finanzielle Unterst\u00fctzung und eigene Arbeitsr\u00e4ume zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, wird dauerhaftes journalistisches Arbeiten zunehmend unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das betrifft nicht nur die Medien selbst. Unabh\u00e4ngige Recherchen \u00fcber Korruption, staatliche Entscheidungen und Menschenrechtsverletzungen sind eine wichtige Grundlage \u00f6ffentlicher Kontrolle. Wo solche Informationen fehlen oder nur noch unter erheblichem Risiko ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen, werden auch die M\u00f6glichkeiten der B\u00fcrger eingeschr\u00e4nkt, sich ein umfassendes Bild von den politischen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen zu machen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Ende einer Zeitung \u2013 nicht das Ende ihrer Geschichte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">33 Jahre lang hat die Nowaja Gaseta einen Journalismus vertreten, der staatliche Entscheidungen hinterfragte und auch dort recherchierte, wo andere Medien schwiegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Mitarbeiter haben daf\u00fcr einen hohen Preis bezahlt. Einige verloren ihre berufliche Existenz, andere mussten das Land verlassen. Sechs mit der Zeitung verbundene Menschen wurden ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun muss auch die Redaktion in Moskau ihre Arbeit einstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Nowaja Gaseta war nicht die letzte unabh\u00e4ngige journalistische Stimme Russlands. Aber sie war eine der letzten gro\u00dfen Zeitungen, die unter ihrem eigenen Namen im Land geblieben waren und versucht hatten, kritischen Journalismus aufrechtzuerhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr Ende ist deshalb mehr als die Schliessung eines traditionsreichen Medienunternehmens. Es steht f\u00fcr den Verlust eines wichtigen Teils jener unabh\u00e4ngigen \u00d6ffentlichkeit, die in Russland nach dem Ende der Sowjetunion entstanden war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zeitung verstummt. Ihre Recherchen, ihre Geschichte und die Arbeit der russischen Journalisten im Exil bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und damit auch die Frage, unter welchen Bedingungen unabh\u00e4ngiger Journalismus eines Tages wieder frei innerhalb Russlands arbeiten kann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quellen und weiterf\u00fchrende Informationen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/novayagazeta.ru\/articles\/2026\/10\/30\/we-have-been-killed\">Nowaja Gaseta \u2013 Abschiedserkl\u00e4rung der Redaktion vom 30. Oktober 2026<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/media-telecom\/russian-investigative-newspaper-novaya-gazeta-says-it-is-shutting-down-after-2026-10-30\/\">Reuters \u2013 Bericht \u00fcber die angek\u00fcndigte Schliessung<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.reporter-ohne-grenzen.de\/artikel\/pressemitteilungen\/4323\/nowaja-gaseta-wird-nach-30-jahren-zur-schliessung-gezwungen\">Reporter ohne Grenzen \u2013 Nowaja Gaseta wird zur Schliessung gezwungen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/meduza.io\/en\/feature\/2026\/10\/30\/can-russia-s-independent-newspaper-novaya-gazeta-rise-from-the-ashes-a-third-time-editor-sergey-sokolov-discusses-what-comes-next\">Meduza \u2013 Interview mit Chefredakteur Sergej Sokolow<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/novayagazeta.eu\/en\/articles\/2026\/10\/30\/they-killed-us-novaya-gazeta-announces-closure-after-more-than-30-years-en-news\">Nowaja Gaseta Europe \u2013 Berichterstattung \u00fcber die Schliessung<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nowaja Gaseta: Verstummt eine der letzten unabh\u00e4ngigen Stimmen Russlands? 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