{"id":1701,"date":"2025-10-01T17:18:00","date_gmt":"2025-10-01T17:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/paukert.ch\/new\/?p=1701"},"modified":"2026-03-19T10:50:26","modified_gmt":"2026-03-19T10:50:26","slug":"traurigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/paukert.ch\/new\/2025\/10\/01\/traurigkeit\/","title":{"rendered":"Traurigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das M\u00e4rchen von der traurigen Traurigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlangkam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr L\u00e4cheln hatte den frischen Glanz eines unbek\u00fcmmerten M\u00e4dchens.<br>Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter.<br><br>Sie konnte nicht viel erkennen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"585\" src=\"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/eine-kleine-alte-Frau-kommt-mit-einem-laecheln-entlang-des-Feldweges-und-sieht-zusammengekauerte-Gest-1024x585.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1703\" srcset=\"https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/eine-kleine-alte-Frau-kommt-mit-einem-laecheln-entlang-des-Feldweges-und-sieht-zusammengekauerte-Gest-1024x585.jpeg 1024w, https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/eine-kleine-alte-Frau-kommt-mit-einem-laecheln-entlang-des-Feldweges-und-sieht-zusammengekauerte-Gest-300x171.jpeg 300w, https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/eine-kleine-alte-Frau-kommt-mit-einem-laecheln-entlang-des-Feldweges-und-sieht-zusammengekauerte-Gest-768x439.jpeg 768w, https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/eine-kleine-alte-Frau-kommt-mit-einem-laecheln-entlang-des-Feldweges-und-sieht-zusammengekauerte-Gest-1536x878.jpeg 1536w, https:\/\/paukert.ch\/new\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/eine-kleine-alte-Frau-kommt-mit-einem-laecheln-entlang-des-Feldweges-und-sieht-zusammengekauerte-Gest.jpeg 1792w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><br>Das Wesen, das da im Staub des Weges sass, schien fast korperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau b\u00fcckte sich ein wenig und fragte: &#8222;Wer bist du?&#8220; Zwei fast leblose Augen blickten m\u00fcde auf.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich? Ich bin die Traurigkeit&#8220;, fl\u00fcsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu h\u00f6ren war. &#8222;Ach, die Traurigkeit!&#8220; rief die kleine Frau erfreut aus, als w\u00fcrde sie eine alte Bekannte begr\u00fcssen. &#8222;Du kennst mich?&#8220; fragte die Traurigkeit misstrauisch. &#8222;Naturlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein St\u00fcck des Weges begleitet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ja, aber&#8230;&#8220;, argwohnte die Traurigkeit, &#8222;warum fl\u00fcchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?&#8220; &#8222;Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weisst doch selbst nur zu gut, dass du jeden Fl\u00fcchtigen einholst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, was ich dich fragen will: &#8222;Warum siehst du so mutlos aus?&#8220; Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr. &#8222;Traurig bist du also&#8220;, sagte sie und nickte verst\u00e4ndnisvoll mit dem Kopf. &#8222;Erz\u00e4hl mir doch, was dich so bedr\u00fcckt.&#8220; Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuh\u00f6ren wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gew\u00fcnscht.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ach, weisst du&#8220;, begann sie z\u00f6gernd und \u00e4usserst verwundert, &#8222;es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und fur eine gewissen Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zur\u00fcck. Sie f\u00fcrchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Traurigkeit schluckte schwer. &#8222;Sie haben Satze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen f\u00fchrt zu Magenkrampfen und Atemnot.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreissen. Und sie sp\u00fcren das Reissen in den Schultern und im Rucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sagen: Nur Schw\u00e4chlinge weinen. Und die aufgestauten Tr\u00e4nen sprengen fast ihre Kopf. Oder aber sie bet\u00e4uben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie nicht f\u00fchlen mussen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Oh ja&#8220;, best\u00e4tigte die alte Frau, &#8222;solche Menschen sind mir schon oft begegnet.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. &#8222;Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, k\u00f6nnen sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders d\u00fcnne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zul\u00e4sst und all die ungeweinten Tr\u00e4nen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollten gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen \u00fcber ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann st\u00e4rker und schliesslich ganz verzweifelt. Die kleine alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tr\u00f6stend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anf\u00fchlt, dachte sie und streichelte z\u00e4rtlich das zitternde Bundel.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Weine nur, Traurigkeit&#8220;, fl\u00fcsterte sie liebevoll, &#8222;ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Traurigkeit horte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gef\u00e4hrtin: &#8222;Aber&#8230; aber &#8211; wer bist eigentlich du?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich&#8220; sagte die kleine alte Frau und l\u00e4chelte so unbek\u00fcmmert wie ein kleines Madchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&#8222;Ich bin die Hoffnung.&#8220;<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00e4rchen von der traurigen Traurigkeit Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlangkam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr L\u00e4cheln hatte den frischen Glanz eines unbek\u00fcmmerten M\u00e4dchens.Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. 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